Ein Einblick in die Lebenswelt eines jungen Betroffenen und die Arbeit der Suchthilfe im Nürnberger Land
Inhalt
Simon Spindler, Suchtpräventionsbeauftragter Landkreis Nürnberger Land; Foto: Chris Lorenz
Sucht ist keine Schwäche, sondern eine Krankheit. Und jeder Mensch verdient eine Chance auf Heilung und Teilhabe.
Als Suchtpräventionsbeauftragter des Gesundheitsamts Nürnberger Land weiß ich, wie entscheidend frühzeitige Aufklärung ist. Sucht beginnt nicht erst mit dem ersten Glas Alkohol oder dem Griff zur Pille. Sie beginnt oft viel früher – mit innerer Not, Druck, Leere und dem Fehlen von Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit.
Unser Ansatz in der Prävention ist deshalb ganzheitlich: Wir arbeiten mit Schulen, Jugendzentren und Eltern, bieten Workshops, Infoabende und Beratung. Besonders im Fokus stehen Risikogruppen: Kinder aus suchtbelasteten Familien, Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten, aber auch junge Erwachsene in Übergangsphasen und ältere Menschen.
Prävention bedeutet nicht nur, über Risiken zu sprechen – sondern Perspektiven zu eröffnen: Was gibt mir Halt? Wer ist für mich da? Was macht mein Leben lebenswert? Zudem ist es wichtig, die Schutzfaktoren wie Selbstwirksamkeit, Selbstwert, Risiko- und Selbstkompetenz aufzubauen und zu stärken.
Die Geschichte von Timon zeigt: Sucht ist kein Randthema. Sie betrifft uns alle – als Gesellschaft, als Familie, als Einzelne. Und sie braucht beides: professionelle Hilfe und menschliches Verständnis.
Rückblick
Wenn Timon heute auf sein Leben blickt, dann wirkt es wie eine Chronik der Überforderung – ein 20-Jähriger, der mehr erlebt hat, als viele Erwachsene in einem ganzen Leben. Sein erstes Glas Alkohol trank er mit 13. Mit 16 war er abhängig. „Es war wie ein Aus-Knopf für alles, was in mir zu viel war“, sagt Timon heute.
Die Sucht als Symptom – nicht als Ursache
Die Diagnose „Alkoholabhängigkeit“ war nur ein Puzzlestück. Schon in der frühen Jugend zeigten sich bei Timon psychische Auffälligkeiten: schwere depressive Episoden, eine Essstörung, soziale Isolation. Die familiäre Situation war behütend, allerdings lag eine Suchtgeschichte bei den Großeltern vor. „Ich war immer irgendwie anders, nie genug, nie stabil“, erzählt er.
Timons Eltern können sein Verhalten nicht nachvollziehen, reiben sich auf mit Unterstützungsangeboten, die aber zu nichts führen. Sie fühlen sich ohnmächtig und hilflos. Zudem belastet sie eine große Angst: „Was ist, wenn Timon irgendwann nicht mehr aus dem Rausch aufwacht.“ Angehörige von Suchtkranken erleben häufig eine immense psychosoziale Belastung. Oft brauchen auch sie irgendwann Hilfe.
Mehrmals hat Timon versucht, sich zu befreien: zwei Entgiftungen, ein kurzer Aufenthalt in einer Jugendpsychiatrie, ambulante Therapie. Immer wieder Rückfälle. Dann, Anfang dieses Jahres, der nächste Anlauf – dieses Mal in einer soziotherapeutischen Wohneinrichtung ähnlich wie der Integra-Suchthilfe in Etzelwang. Ein Ort, der mehr ist als eine Zwischenstation: Struktur, Beziehung, Reflexion, Therapie.
Seit fünf Monaten ist er nun dort. Es gibt Fortschritte – kleine, aber spürbare. Die Panikattacken sind weniger geworden, der Griff zur Flasche seltener ein Thema. „Ich lerne gerade, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – für mich, meine Gefühle, mein Leben“, sagt er. Doch der Weg zurück in ein stabiles, suchtfreies Leben ist lang.
„Rückfälle gehören dazu“, sagt sein Bezugstherapeut. „Aber auch das Wiederaufstehen.“
Die Integra gGmbH ist eine feste Säule im Netz der Suchthilfe im Nürnberger Land. Der Standort in Etzelwang bietet ein soziotherapeutisches Wohnangebot für Menschen mit chronischer Abhängigkeitserkrankung. Ziel ist es, Betroffene schrittweise zu einem eigenständigen Leben hinzuführen – individuell, ressourcenorientiert, langfristig.
Die Bewohnerinnen leben in kleinen Gruppen, begleitet von sozialpädagogischen Fachkräften, Therapeutinnen und Pflegepersonal. Neben therapeutischen Gesprächen und medizinischer Betreuung gibt es tagesstrukturierende Angebote: Haushalt, Freizeitgestaltung, Arbeitsprojekte, Gruppentherapien.
„Wir wollen den Menschen nicht nur von der Sucht wegbringen, sondern hin zu etwas – zu Lebensqualität, zu Selbstwirksamkeit“, sagt Ralf Frister, Geschäftsführer der Integra.